Das Konformitätsexperiment von Asch, oder: So wird „öffentliche Meinung“ gemacht

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Das Konformitätsexperiment von Asch, oder: So wird „öffentliche Meinung“ gemacht

In zahlreichen meiner Statements weise ich immer wieder darauf hin, dass klassische Aufklärungsarbeit, die nach dem Motto „alles wird ans Licht kommen und dann wird jeder verstehen“ abläuft, letztendlich nicht zum gewünschten Erfolgserlebnis führen kann, da Entscheidungen nur selten bis gar nicht auf Basis unserer Vernunft getroffen werden. Auf die Hintergründe aus soziologischer Sicht, bin ich in diesem Artikel etwas ausführlicher eingegangen. Darin beschriebe ich den Weg unserer Entscheidungsfindung und Meinungsbildung auf Basis verschiedener Urinstinkte.

Nun möchte ich einmal ein Experiment vorstellen, das im Jahre 1951 von dem Sozialpsychologen Solomon Asch durchgeführt wurde und als sogenanntes „Konformitätsexperiment“ bekannt wurde. Asch beschrieb darin einige, für ihn nur schwer nachvollziehbare Phänomene, die er als Gruppenzwang definierte.

Aufbau des Experiments

Solomon Asch führte die Versuchsperson in einen Konferenzraum, in dem bereits mehrere Teilnehmer an einem Konferenztisch saßen. Der Versuchsperson wurde gesagt, dass es sich bei diesen Personen um weitere Versuchspersonen handele. Tatsächlich handelte es sich jedoch um eingeweihte Teilnehmer des Experiments, die sich entsprechend den Vorgaben des Versuchsleiters verhielten.

Es wurden nun zwei Tafeln herumgereicht. Eine Tafel enthielt drei verschieden lange Striche; die zweite nur einen einzigen Strich. Die Aufgabe bestand darin, herauszufinden, welcher der drei Striche auf der ersten Tafel die gleiche Länge wie der Strich auf der zweiten Tafel aufwies.

Dabei machten die eingeweihten Versuchsteilnehmer in 12 von 18 Durchgängen absichtlich falsche Angaben, nachdem sie sich in den ersten 6 Duchgängen durch richtige Angaben das Vertrauen der Versuchsperson angeeignet hatten. Asch wollte herausfinden, wie sich dies auf die Beurteilung durch die Versuchsperson auswirke.

Das Ergebnis

Während rund 25% der Versuchspersonen von diesem Manipulationsversuch völlig unbeeinflusst blieben und keinerlei Fehler bei ihren Angaben machten, schlossen sich die restlichen 75% in etwa 1/3 aller Durchgänge den offensichtlichen Fehleinschätzungen der eingeweihten Versuchsteilnehmer kritiklos an.

In späteren Versuchen fand Asch heraus, dass die Größe der Gruppe eine entscheidende Rolle dabei spielte. Ja größer die Zahl der Eingeweihten war, die ein falsches Ergebnis vorgaben, umso größer war auch die Tendenz der Versuchsperson, sich diesem Ergebnis anzuschließen. Bei ausreichend großer Zahl Eingeweihter, war bei 75% der Probanden gar kein Einwand bei falschen Vorgaben mehr zu bemerken. Daran änderten auch einzelne Eingeweihte nichts, die fehlerhafte Vorgaben öffentlich kritisierten. Im Gegenteil – diese provozierten eine Verteidigungshaltung seitens des Probanden hinsichtlich seines eigenen, fehlerhaften Urteils. Nur wenn ein Versuchsdurchgang aufgrund offensichtlicher Fehlerhaftigkeit abgebrochen wurde, gaben die Probanden hinterher an, sie hätten in diesem Fall die richtige Entscheidung getroffen.

Hinsichtlich der Zusammensetzung seiner Probanden, konnte Asch keine Anhaltspunkte dafür finden, warum sich 75% der Probanden derartig kritiklos verhielten, während die restlichen 25% unbeeinflusst blieben. Bildung oder Intelligenz schienen kein Kriterium hierfür zu sein. Er schlussfolgerte, dass die Bereitschaft zur Konformität wohl in der Veranlagung zum Herdeninstinkt zu suchen seien. Diejenigen, bei denen dieser Instinkt sehr ausgeprägt sei, würden sich stets der größten Gruppe (der Herde) anschließen, und zwar völlig unabhängig davon, ob diese richtig oder falsch liege. Es käme bei diesen Menschen zwar zu einer kognitiven Dissonanz und diese sei auch deutlich spürbar (etwa in aggressivem Verhalten gegenüber Personen, die offenkundig fehlerhafte Einschätzungen öffentlich machten), doch würde diese nicht zu einer Reflektion des eigenen Urteilsvermögens führen.

Gegenexperiment nach Serge Moscovici

Infolge des, seinerzeit für Aufsehen sorgenden Asch-Experiments, gestaltete der Sozialpsychologe Serge Moscovici eine eigene Experimentreihe, die heute als Gegenexperiment bekannt ist. Ich möchte an dieser Stelle aber aufzeigen, dass es sich dabei keineswegs um eine Widerlegung von Asch handelte, sondern einen ganz anderen soziologischen bzw. psychologischen Effekt zutage förderte, mit dem wir uns in unserer Widerstandsbewegung ebenfalls täglich auseinandersetzen müssen.

Moscovici wollte herausfinden, ob nicht nur die Mehrheit eine Minderheit beeinflussen, sondern auch (umgekehrt) eine Minderheit auf eine Mehrheit Einfluss nehmen könne. Er zeigte seinen Probanden dazu mehrere Dias, die alle von blauer Farbe waren, deren Farbintensität sich jedoch voneinander unterschieden. 5 von insgesamt 6 Personen dieses Experiments waren dabei eingeweiht. 4 von ihnen gaben die Farben richtig an, während ein eingeweihter Versuchsteilnehmer konsequent die falsche Farbe „grün“ angab.

Mit dieser Methode gelang diesem Abweichler immerhin 8,42% der Versuchspersonen dazu zu bringen, ebenfalls ein falsches Ergebnis zu nennen, nämlich „grün“. Moscovici fand zudem heraus, dass dies nur gelang, wenn der eingeweihte Testteilnehmer, der die falschen Ergebnisse bekannt gab, in seiner Aussage persistent blieb, d.h. wenn er jedes mal „grün“ benannte. Benannte er dagegen unterschiedliche (falsche) Farben, sank das Ergebnis auf unter 2%.

Im Gegensatz zu Asch, konnte Moscovici bei seinen Versuchsteilnehmern eine eindeutige Bildungstendenz nachweisen. Je gebildeter diese waren, umso eher neigten sie dazu, die falschen Ergebnisse zu ignorieren; je bildungsferner sie waren, umso eher waren sie geneigt, sich den falschen Ergebnissen anzuschließen.

Wie sind die Ergebnisse zu interpretieren?

Das Asch-Experiment liefert uns den Grund dafür, warum so unglaublich viele Menschen kritiklos mitmachen, egal, ob es eine vermeintliche Pandemie ist, die ganz offenkundig kein ist, ob es Maskengebote sind, die ganz offenkundig nichts bringen würden , wenn es denn eine Pandemie gäbe, ob es die Ruinierung unseres Wohlstands und unserer Wirtschaft ist, für die es offenkundig keine nachvollziehbaren Gründe gibt u.s.w.

Das Moscovici-Experiment zeigt uns auf beeindruckende Weise, wie (echte) Verschwörungstheorien am Leben erhalten werden. Ich spreche hier keineswegs von tatsächlichen Verschwörungen, sondern von den abgedrehtesten „Theorien“, die stets dann in die Welt gesetzt werden, wenn man die Mitte der Gesellschaft von einer Auseinandersetzung mit echten Verschwörungen abhalten will. Zu solchen, offenkundig völlig falschen Verschwörungstheorien zählen nicht nur die Bielefeld-Verschwörung und der Glaube an eine flache Erde, sondern auch Qanon und die Reichsbürger.

Kommt beispielsweise ein beträchtlicher Teil der Wissenschaft auf die Idee, die Gefährlichkeit des Corona-Virus in Zweifel zu ziehen, werden diese sofort von der „Theorie“ untergraben, dass es Viren per se ja gar nicht gebe. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt und nun glaubt, das alles habe durchaus System.

Fazit

Die Neigung, sich kritiklos einer großen Gruppe anzuschließen, auch wenn diese offenkundig falsch liegt, ist unabhängig vom Bildungsstand und Intelligenz. Die Neigung, sich einer, offenkundig falschen Minderheit anzuschließen, ist stark vom Bildungsgrad abhängig.

Nur sehr wenigen Menschen gelingt die Balance zwischen diesen „Welten“. Diese sehen sich nicht nur der Wahrheit verpflichtet – sie sind es auch. Sie fallen weder auf Staatspropaganda noch auf krude Verschwörungstheorien herein. Zu so einem Menschen zu werden, ist eigentlich ganz einfach: Lass Deine eigenen grauen Zellen Dein einziger Ratgeber sein. Hinterfrage nicht nur Staatspropaganda, sondern auch krude Verschwörungstheorien.

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